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DOMINIK MINKUS · FACHLICHE PERSPEKTIVE · OKTOBER 2026
Wie viel Stoffwechsel steckt in unserer Psyche?
Das Gehirn braucht Energie. Was geschieht, wenn ihre Verarbeitung aus dem Gleichgewicht gerät? Metabolische Psychiatrie erforscht, welche Rolle solche Veränderungen bei psychischen Erkrankungen spielen – und ob daraus zusätzliche Behandlungsmöglichkeiten entstehen. [7]
01 · Energie verstehen.
Mitochondrien, Insulinsignale und Entzündungsprozesse eröffnen Fragen zur Verbindung von Körper und Gehirn.
02 · Behandlung weiterdenken.
Ernährung, Bewegung, Schlaf und metabolische Medikamenteneffekte gemeinsam betrachten.
03 · Den Unterschied nachweisen.
Was hilft wem – zusätzlich zur etablierten Behandlung, sicher und im Alltag umsetzbar?
Auf dieser Seite
Evidenz & Versorgung ↓ · ADHS ↓
Meine Perspektive ↓ · Quellen ↓
Energie ist mehr als ein Gefühl
Mitochondrien wandeln Nährstoffe in Energie um, die Zellen nutzen können. Insulinsignale, Entzündungsprozesse und Stress sind weitere Teile eines komplexen Zusammenspiels. Die Forschung untersucht, wie Störungen dieser Systeme mit psychischen Erkrankungen zusammenhängen. Daraus folgt keine einzige Erklärung für alle Erkrankungen. Es entsteht eine zusätzliche Ebene, auf der wir genauer fragen können. [7]
Was heute schon zählt
Körperliche Gesundheit gehört zur psychiatrischen Behandlung. Bei einer antipsychotischen Therapie verdienen unter anderem Gewicht, Blutdruck, Blutzucker und Blutfette regelmäßige Aufmerksamkeit. Auch mögliche Medikamenteneffekte müssen berücksichtigt werden. Die NICE-Leitlinie zu Psychosen und Schizophrenie empfiehlt entsprechende Untersuchungen und Verlaufskontrollen. [1]
Ketose: eine Forschungsfrage mit Potenzial
Ketonkörper können dem Gehirn als alternative Energiequelle dienen. Deshalb wird untersucht, ob eine therapeutisch ketogene Ernährung bei bestimmten psychischen Erkrankungen zusätzlich helfen kann. Sie ist ein Ansatz innerhalb eines breiteren Forschungsfeldes, zu dem auch Bewegung und andere metabolische Interventionen gehören. [7]
Eine Stanford-Pilotstudie berichtete 2024 über Verbesserungen metabolischer und psychiatrischer Parameter bei bipolarer Erkrankung und Schizophrenie. Ohne Kontrollgruppe lässt sich daraus kein verlässlicher Behandlungseffekt ableiten. [2]
Was neuere Studien tatsächlich zeigen
Eine 2026 veröffentlichte randomisierte Oxford-Studie mit 88 Erwachsenen mit therapieresistenter Depression verglich eine ketogene mit einer aktiv betreuten Kontrollernährung. Beide Gruppen besserten sich deutlich. Nach sechs Wochen lag der zusätzliche Unterschied im PHQ-9 bei rund 2,2 Punkten zugunsten der ketogenen Gruppe. Nach zwölf Wochen war der Gruppenunterschied statistisch nicht eindeutig; die klinische Bedeutung bleibt unklar. [8]
Das macht die Frage präziser: Wer profitiert zusätzlich – und wie dauerhaft? Einzelne eindrucksvolle Verläufe motivieren Forschung. Für Behandlungsempfehlungen zählen kontrollierte Ergebnisse, Replikation und Sicherheit.
Was daraus für meinen Schwerpunkt folgt
Mich interessiert die Verbindung von Stoffwechsel und Bewegung: Wie können körperliche Gesundheit, psychische Stabilität und alltagstaugliche Veränderung gemeinsam in den Blick kommen? Ernährung, Training und Schlaf gehören dabei ebenso zur Diskussion wie Psychotherapie und eine sorgfältig abgestimmte Medikation.
Therapeutische ketogene Ernährung erfordert eine individuelle medizinische Prüfung, fachliche Begleitung und Überwachung der Medikation. Sie ist keine pauschale Empfehlung zur Selbstbehandlung. Medikamente sollten nicht eigenständig verändert oder abgesetzt werden.
ADHS und Stoffwechsel
Auch bei ADHS interessiert mich der Blick auf den ganzen Menschen: Was prägt den Alltag? Wie lassen sich Bewegung, Schlaf und Ernährung in eine individuelle Behandlung einbeziehen? Ausgewogene Ernährung und regelmäßige Bewegung gehören zu den allgemeinen Empfehlungen der NICE-Leitlinie für Menschen mit ADHS. [5]
Gezielte ketogene Ernährung zur Behandlung von ADHS ist dagegen noch ein Forschungsansatz. Die laufende FAD-Studie der Universität Oxford untersucht zwei Ernährungsprogramme bei Erwachsenen mit ADHS und depressiven Symptomen. Im geprüften Register sind bislang keine Ergebnisse veröffentlicht. Daraus lässt sich derzeit keine Wirksamkeitszusage ableiten. [6]
Für mich bedeutet das: neue Forschung aufmerksam verfolgen und fundierte Diagnostik, Psychoedukation sowie individuell passende psychotherapeutische und medikamentöse Behandlung einbeziehen. [5]
Der Mensch bleibt im Mittelpunkt
Ernährung berührt Alltag, Genuss, Geld, Kultur und Selbstwert. Ein Plan kann medizinisch plausibel sein und trotzdem nicht zum Leben eines Menschen passen. Hier gehört die psychotherapeutische Perspektive dazu: Überforderung verstehen, Scham vermeiden und erreichbare Schritte entwickeln.
Metabolische Psychiatrie bedeutet für mich auch, Veränderungen ohne Schuldzuweisung zu betrachten. Psychische Erkrankungen sind kein persönliches Versagen bei Ernährung oder Bewegung.
Was mein Denken geprägt hat
Die Arbeiten von Christopher M. Palmer an der Harvard Medical School und am McLean Hospital sowie der Psychiaterin Georgia Ede haben mein Interesse an metabolischer Psychiatrie geprägt. Ihre Fragen zu Ernährung und Energiehaushalt haben mir eine zusätzliche Perspektive auf den Körper eröffnet. [3, 4]
Die Vorträge von Georgia Ede und Calogero Longhitano in Rüschlikon geben dieser Neugier eine konkrete Richtung: Wie wird aus einer plausiblen Idee eine zusätzliche Behandlung, die Menschen im Alltag wirklich hilft? Für mich gehören dazu biologische Forschung, kontrollierte Studien und die Lebenswirklichkeit der Menschen.
Meine fachliche Perspektive
Ich möchte diese Fragen in Vorträgen, Fachgesprächen und gemeinsamen Projekten zusammenbringen. Klinische Erfahrung ist mein Ausgangspunkt. Neue Forschung verdient Neugier und eine kritische Einordnung.
Psychiatrie weiterdenken. Nicht ersetzen.
Quellen & Einordnung
[3] Biografische Quelle: Harvard Medical School – Christopher Palmer.
[4] Biografische Quelle: Georgia Ede – berufliches Selbstprofil.
Redaktionelle Einordnung: Dominik Minkus · Oktober 2026. Die Quellen sind eine Auswahl, keine systematische Evidenzübersicht. Dieser Beitrag dient der fachlichen Orientierung und ersetzt keine individuelle Diagnostik oder Behandlung.